Leseprobe: Blitzbirke

"Auf meine Frage hin, ob sie etwas bedrückt, schüttelt Mama nur den Kopf. „Ich bin einfach müde“, sagt sie ungerührt. Über den Spiegel hinweg schaut Mama mich an. Alles Wache, alles Neugierige ist aus ihrem Gesicht gefegt, nur die schwarzen Krümel unter ihren Augen sind noch übrig.

Mit einem flüchtigen Gutnachtkuss auf die Wange verabschiedet sie sich. Ihr brauner Gesundheitsschuh, ein uneitles Modell mit starken Nähten, von fester Textur, ist das letzte, was ich von Mama sehe, ehe sie die Tür hinter sich zuzieht.

Welchen Gedanken ich auch anfange, er endet doch bei ihr. Wie sehr ich mich auch anstrenge zu glauben, dass sie jetzt, genau wie Oskar, sicher in ihrem Bett liegt, es will mir nicht gelingen. Sie ist zu traurig, denke ich, sie ist zu traurig, das geht nicht gut. Mamas Traurigkeit verbindet sich mit jedem einzelnen Gegenstand des Kellers, vor allem mit dem einen. Und so sehr ich mich auch anstrenge, dem Gespräch von Leif und Skadi am Tresen zu folgen, mich mit den anderen in eine sorgenfreie Betäubung zu saufen, ich muss doch immer wieder hinschauen: Da ist die Pistole, gestützt von zwei Nägeln lehnt sie an der Wand; dieses schwere stählerne Ungetüm verändert sich, je öfter ich es anschaue, Stück für Stück blättert es aus seiner gewohnten, oft gestreiften Patina hervor, neu und glänzend wird es von der Wand genommen, Patrone für Patrone bestückt, mit einem ruhigen Daumenzug geladen, der kühle Kolben schiebt das krause Haar beiseite und drückt sich gegen die Schläfe, zwei geliebte Augen schließen sich, ein Zeigefinger umgreift den Abzug, und zittert und zittert, so kurz vor dem Schuss."

Lisa Kreißler

BLITZBIRKE

Roman


Hardcover mit Lesebändchen und Titelprägung

Inkl. E-Book-Download

192 Seiten | 17,90 Euro


Buch: ISBN 978-3-938539-30-9


E-Book: ISBN 978-3-938539-88-0

Blitzbirke bei mairisch