DIE ANGST VOR DER FIKTION

Ein alter Mann lebt auf der Insel Fårö in Schweden. Er hat viele Filme gemacht, Theater, die schönsten Frauen gehabt, gute Ideen. Und jetzt lebt er auf der Insel Fårö, macht keine Filme mehr, kein Theater, seine letzte Frau, Ingrid, ist seit Jahren schon tot. 

Jeden Morgen geht der Mann eine halbe Stunde spazieren, in der kargen Landschaft von Fårö, viel zu früh, weil er kaum schläft, er geht am Meer entlang, begegnet niemandem, und dann geht er zurück ins sein Haus.

 

Diese wenigen Zeilen über Ingmar Bergman stehen per Hand auf einen Zettel geschrieben, den ich nun sorgsam zusammenfalte, bedacht darauf, ein symmetrisches Kreuz in seine Mitte zu knicken, ich lege den Zettel hier neben mich auf den Holztisch. Dort soll er liegen bleiben, während ich schreibe.

 

Da haben wir´s: eine Geschichte; ungebrochen, einfach. Da ist ein Bild; altvertraut, bewegt und doch gewiss. Wir sehen den alten Mann am Meer entlang laufen und wissen genau, wohin er geht. 

Den Text auf dem Zettel habe ich heute geschrieben, am 25.06.2013, und so gern ich ihn mag, fällt es mir doch schwer, ihn so schutzlos vor euren Augen stehen zu lassen. Ich, die Autorin dieser Zeilen bin kurz davor, einen langen Nebensatz zu beginnen, der erklärt: 

Lieber Leser, das war eine pathetische kleine Geschichte, Nostalgie, das kennen wir ja, aber wir wissen es beide: alles reine Fiktion, eine untragbare Behauptung, ich habe den Mann nie am Strand gehen sehen, das Bild habe ich aus einem pixeligen Filmchen, und worum es hier eigentlich geht, ist nicht die ewige Tragik unseres Daseins, sondern die Unhaltbarkeit dieser anrührenden Szene. Lieber Leser, jeder Buchstabe ist Konstrukt, der Mann und das Meer, nichts als funktionalisierte Zeichen, das wissen wir ja, wir sind gut gepanzert mit Theorie, die Zeit der Illusionen ist vorbei; was heute zählt, ist allein die Frage nach der Form, ab sofort betreiben wir alle reine Metafiktion. Das einzige Thema unserer Literatur kann und muss das Schreiben selbst sein...und jetzt wird es Zeit, einzugreifen, es ist an dieser Stelle bitter nötig, diesem Ich für ein paar Minuten das Maul zu stopfen, mit zwei Streichhölzern seine Augen aufzusperren und ihm eine andere Idee vorzuführen. 

 

Nicht allein in der Literatur, auch in den anderen Künsten kann man sie deutlich sehen: die Angst vor der Fiktion. Besonders deutlich wird das am Beispiel des Theaterschauspielers. Er steht nicht länger auf der Bühne, um eine Rolle zu verkörpern, er geht auf die Bühne, Abend für Abend, Stück für Stück, um sich selbst zu spielen, dem Zuschauer ganz offen zu zeigen: Schau her, hier bin ich und spiele für dich, aber ich bin nicht Hamlet, ich bin nicht Petra von Kant, ich zeige dir, was das Theater ist, aber eine Geschichte kann ich dir nicht erzählen, das wäre dem Regisseur einfach zu peinlich. Nehmen wir als Beispiel das Theater von Sebastian Hartmann. Er nimmt sich einen großen Stoff, meistens Romane, Sorokins Schneesturm zum Bespiel, er macht ein bilderreiches, musikverklärtes Bühnenspektakel daraus, das ebenso unterhaltsam ist wie ein gut gemachtes Video, die Geschichte des Ausgangsstoffes aber, die Psychologie seiner Figuren, die darf immer nur ganz kurz aus dem poppigen Bilderreigen hervortauchen, und auch nur, um sie eilig mit Slapstick oder einem anderen Effekt, als lächerlich zu identifizieren. Warum nimmt Hartmann sich einen so charakterstarken Stoff wie Schneesturm, um dann ein völlig unabhängiges Ballalaika-Musical daraus zu machen?

Dominic Friedel, ein junger Regisseur und Freund von mir, schrieb mir neulich in einer E-Mail: Wenn du eine Geschichte für mich hast, musst du sie mir schnell schicken. Noch kann ich im Theater Stücke vorschlagen, die ich inszenieren möchte. Aber lange wird das nicht mehr gut gehen, weil auch mein Theater zu langweilig ist, da es Geschichten erzählen möchte und keine Kunst ist. Gerne hätte ich Dominic sofort meine beste Geschichte in die Hände gedrückt, das Problem aber war: ich schrieb gar keine mehr. 

Der friedliche Urzustand des Schreibens, als ich mich hinsetzte und einfach eine Geschichte schrieb, ohne vorher beschlossene Konstruktion, ohne theoretische Formabsicherung, war spätestens mit dem Beginn meines Studiums am Literaturinstitut versaut. An der Eingangspforte hatte ich meine Naivität ganz freiwillig abgegeben. Ich wollte mehr wissen. Ich geriet in einen regelrechten Rausch, las Autoren, die mir die unendlichen Möglichkeiten von mutiger Literatur klarmachten, blätterte mich ehrgeizig durch Käte Hamburger, Roland Barthes, Genettes Erzähltheorie, ich saß aufmerksam in den Seminaren von Michael Lentz, weil ich wusste, dass die Chance einem so wachen Schriftsteller gegenüber zu sitzen, und von ihm lernen zu dürfen, ein Privilig war. Ich wurde mir über mein eigenes Können in der Sprache bewusst, über meine Schwäche in puncto Dramaturgie, und als im dritten Jahr eine neue Studentin zu mir sagte: Versteh das jetzt bitte nicht falsch, aber deine Texte sind so wunderbar naiv! Da kränkte mich das ungemein. Hatte ich nicht alles daran gesetzt, mir mein bäuerliches Erzählhandwerk auszutreiben? War ich denn nicht durch all mein Nachdenken und Studieren zu einer astreinen Intellektuellen geworden? Nach diesem Tiefschlag schrieb ich Experimente, mit kühlem Kopf wollte ich Neues, Nicht-Naives, produzieren. Ich irrte durch meinen Märchenwald, blind für alles, was mich umgab und dachte: multiperspektivisch, die Verben weglassen, totalen Stillstand simulieren, nichts mehr konstruieren, radikaler Autobiografismus, darum muss es gehen, nein, das ist nicht auszuhalten, jetzt muss ich sofort die Form reflektieren. In einem neuen Projekt, das schon 50 Seiten maß und aus dem Impuls heraus entstanden war, einen schwer vermissten Freund in Form von Briefen zu mir zurück zu schreiben, formulierte ich: Unsere Geschichte, die interessiert mich wirklich, ehrlich, Hand aufs Herz. Aber weil ich ihr ratlos gegenüber stehe, ist dieses Schreiben eine Suche und kein Roman. 

Das war der letzte Satz, weiter kam ich nicht, das Projekt war gescheitert, metafiktional geköpft, von der Geschichte war, trotz all der guten Absichten, nur ein gesichtsloser Stumpf übriggeblieben. In einem waidwunden Krisenzustand las ich ein zweites Mal Mrs Dalloway von Virginia Woolf, ging ins Theater, versuchte Ordnung in meine Gedanken zu bringen,  und wurde immer nervöser. 

Erst als ich gestern in den Gedichten eines Kommilitonen, eine ganz offene Entschuldigung für den Pathos, für das Zärtliche in seiner Lyrik auszumachen meinte, kam ich meinem Problem näher: zweifelt da womöglich noch jemand? Das Problem, das einer seiner Fiktion nicht traut, war plötzlich überall. In dem Text geht es auch um das Schreiben, hat eine gesagt, nein, nein, so explizit ist das nicht zu verstehen, man muss es auf der Metaebene lesen, ein anderer. Lauter Entschuldigungen, die nicht nur rhetorisch, beim Reden über die Texte, laut wurden, sondern ganz nachweisbar auch in den Texten selbst zu finden waren.

 

Die Skepsis gegenüber einer geschlossenen Fiktion ist absolut berechtigt. Denn es gibt viele schlechte Bücher, die allein darauf setzen, den Leser einzulullen, in ihre spannungsgetriebene, holzschnittartige Daily-Soap-Handlung, die den Leser satt, aber unbereichert weiterschickt. In diesen Büchern spricht man von Plot, einem der schlimmsten Wörter im Sprechen über Literatur, das sollte kein anständiger Mensch gebrauchen. Von dieser Art Fiktion brauchen wir kein Blatt mehr. 

Ich rede aber von einer anderen Art Fiktion, einer, die unbedingt notwendig ist, damit das Wahrhaftige und Einzigartige unserer augenblicklichen Weltwahrnehmung in Sprache gebracht werden kann. Mit Fiktion meine ich: Vertrauen in sein eigenes Schreiben.

Jeder Autor soll seine Sache so raffiniert es nur geht betreiben. Alle Mittel sind erlaubt. Er soll lautpoetisch arbeiten, streng konzeptionell, intuitiv, metafiktional, er soll im Präsens oder im Imperfekt schreiben. Aber er muss seine Anstrengung auf die Sache selbst richten. Darum drehen sich meine Bedenken. Er soll nicht, und ich habe den Eindruck, das nicht ich allein davon betroffen bin, den größten Teil seiner Kraft und Mittel darauf verwenden, sich zu verstecken, sich zu entschuldigen, es dem Betrieb recht machen zu wollen, alle pulsierenden Höhenflüge wieder auf den Boden der Tatsachen zurück zu holen: war gar nicht ernst gemeint, Parodie, alles nur Spaß, gespielter Pathos, verzeiht mir diese Spielerei, da ist was mit mir durchgegangen! 

Das Bewusstsein über die Fiktion ist jedem Text immanent, jeder Theateraufführung. Als Leser haben wir Spaß daran, uns den Ideen und Gedanken eines anderen anzuvertrauen. Wir schlagen die Bücher aus Neugier auf, kaufen uns eine Karte, weil wir im Leben genug zu tun haben, mit realitätsgezügelten Überlegungen, Zweifeln, Kausalzusammenhängen. In den Räumen der Literatur, und das Theater gehört für mich dazu, sind wir offen für Wildheit, Schmerz und Lust, für den anmaßenden Duktus einer fremden Idee, nennen wir das Kind beim Namen: wir wollen gepackt werden.

Am Ende von Mrs Dalloway heißt es über Sally: Denn sie fühle jetzt, daß das einzige, was der Rede wert sei, das sei – was man fühle. Gescheitheit sei dumm. Man müsse einfach sagen, was man fühle.

Was Sally da auf der großen gescheiterten Abendgesellschaft von Mrs Dalloway zu Peter sagt, lässt sich als handfeste Anleitung zum Schreiben verstehen: 

Vertrau deinem Gefühl, schäme dich nicht dafür, trau dich, deine Erfahrungen ernstzunehmen, aber betrachte sie bitte ganz genau! Verlass dich niemals auf die Schablone eines Gefühls, die das tieferen Dasein desselben so oft verdeckt, prüfe deine Angelegenheiten, das, was du siehst, worum es dir geht und lass es nicht eher Text sein, bis es stimmt. 

Ich brauche von Zeit zu Zeit solch eine Ermutigung, denn ich bin ein ängstlicher Mensch. Ich habe Angst vor dem Verlust  meiner Geschichten, Angst vor dem Erlischen des ungreifbaren, regsamen Zündfunkens der Literatur, für den ich kein geringeres Wort ins Gefecht geschickt habe, als: Gefühl. 

Ich wünsche mir, mit dem Selbstverständnis eines Kindes auf meine Gefühle zu vertrauen und sie mit dem Scharfsinn einer Greisin in Literatur zu verwandeln. 

Nicht umsonst sind wir in eine so brisante Auseinandersetzung mit der Fiktion geraten. Wir wollen nicht nachplappern, was vor uns schon tausende vorgeplappert haben, wir wollen eine Literatur schreiben, die unserer Gegenwart gerecht wird, die aus der Vergangenheit gelernt hat. Ich gründe hier also keine Partei für archaische Märchenerzähler. Die Angst vor der Fiktion gilt es genauso ernst zu nehmen wie das Vertrauen in sie. Und wenn dabei herauskommt, dass man doch über das Schreiben schreiben muss, dann wird es richtig sein. Und eines sollten wir nicht vergessen: Auch die Metafiktion ist Fiktion. Das beste Beispiel dafür ist der Einstieg in diesen Text. Den kleinen Zettel, den ich am Anfang dieses Textes beschrieben habe, gibt es nicht. Ich habe kein gefaltetes Stück Papier neben mir liegen, und den Text gibt es doch. 

Mir geht es also nicht um eine Verteufelung der Metafiktion. Ganz im Gegenteil: Jeder soll das sagen, was immer ihn ehrlich interessiert. Und die richtige Form ergibt sich aus dem Inhalt, diese alte Formel nutzt sich nicht ab, auf die ist Verlass.

Aber niemand soll sich für seine Geschichten entschuldigen. Wenn er etwas zu erzählen hat, dann raus damit!

 

Ein alter Mann lebt auf der Insel Fårö in Schweden. Er hat viele Filme gemacht, Theater, die schönsten Frauen gehabt, gute Ideen. Und jetzt lebt er auf der Insel Fårö, macht keine Filme mehr, kein Theater, seine letzte Frau, Ingrid, ist seit Jahren schon tot. 

Jeden Morgen geht der Mann eine halbe Stunde spazieren, in der kargen Landschaft von Fårö, viel zu früh, weil er kaum schläft, er geht am Meer entlang, begegnet niemandem, und dann geht er zurück ins sein Haus.